#1

Hahnemann: Ueber die Kraft kleiner Gaben der Arzneien

in Allgemeines zur Homöopathie 31.01.2018 22:09
von Miraculix | 152 Beiträge | 880 Punkte

Einer der mir liebsten und klarsten Beiträge Samuel Hahnemanns steht in Hufelands Journal von 1801. Der Herausgeber schreibt dazu u.a. "ich läugne nicht, daſs mir die faſt unendliche Kleinheit der Doſe bei der Anwendung der Belladonna ſelbſt befremdend war. Ich forderte ihn daher auf, ſich darüber zu vertheidigen und die Gründe ſeines Verfahrens anzugeben. Gegenwärtiges iſt ſeine Beantwortung". Diese Antwort ist es meines Erachtens wert, hier wenigstens zum Teil wiedergegeben und kommentiert zu werden.
Irgendwelche Einwände? Nein? Dann los! ;)

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Ueber die Kraft kleiner Gaben der Arzneien überhaupt und der Belladonna insbesondere.
Ein Schreiben an den Herausgeber.

Sie fragen mich dringend: was kann denn 1/100000 Gran Belladonna wirken? Das Wort kann ist mir anstößig und mißleitend. Unsre Compendien haben schon abgeurtheilt, was die Arzneien und gewisse Gaben derselbe wirken können, und welche genau zu brauchen sey; sie haben schon so bestimmt entschieden, daß man sie für symbolische Bücher halten sollte, wenn Arzneidogmen dem Glaubenszwange unterworfen wären. Aber, Gott sey Dank, daß sind sie noch nicht, man weiß, daß unsre Arzneimittellehren ihren Ursprung am wenigsten lauterer Erfahrung zu danken haben, daß sie oft bloß die nachbetenden Urenkel schwachsichtiger Urgroßeltern sind.

Lassen Sie uns nicht die Compendien, lassen Sie uns die Natur fragen: „was wirkt 1/100000 Gran Belladonna?“Die Frage ist aber immer noch zu weit, und bloß durch das ubi, quomodo, quando, quibus auxiliis*] wird sie bestimmter und beantwortbarer.

Eine recht hart getrocknete Pille des Belladonna-Dicksafts wirkt bei einem robusten, ganz gesunden Landmanne oder Tagelöhner gewöhnlich nichts. Hieraus folgt aber bei Leibe nicht, daß ein Gran dieses Dicksaftes eine gehörige, oder wohl gar zu schwache Gabe für diesen oder einen ähnlichen robusten Mann seyn würde, wenn er krank wäre, oder wenn man ihm den Gran in Auflößung gäbe, – bei Leibe nicht!

Hier verstopfe die compendiarische Pseudempirie ihren Mund; man höre die Erfahrung.

Auch der gesundeste robusteste Drescher wird von Einem Grane Belladonna-Dicksaft mit den heftigsten, gefährlichsten Zufällen befallen werden, wenn man diesen Gran durch Reiben genau in vielem (z.B. zwei Pfunden) Wasser auflößet, die Mischung (unter Zusatz von etwas Weingeist, denn alle vegetabilischen Brühen verderben*) schnell) durch fünf Minuten langes Schütteln in einer Flasche recht innig gemacht, und sie ihn Eßlöffelweise binnen sechs oder acht Stunden einnehmen läßt.

Diese zwei Pfund werden etwa 10000 Tropfen enthalten. Wird nun einer dieser Tropfen mit abermals 2000 Tropfen (6 Unzen) Wasser (mit etwas Weingeist versetzt) durch starkes Schütteln gemischt, so wird ein Theelöffel (etwa 20 Tropfen) dieser Mischung aller zwei Stunden eingegeben, einem ähnlich starken Manne nicht viel weniger heftige Zufälle verursachen, wenn er krank ist.

Eine solche Dosis beträgt etwa ein Milliontel-Gran. Er wird, sage ich, von etlichen Theelöffeln dieser Mischung an den Rand des Grabes kommen, wenn er vorher recht ordentlich krank war, und seine Krankheit von der Art ist, daß Belladonna auf sie paßt.

Die harte Granpille findet im gesunden Körper sehr wenig Berührungspunkte; sie gleitet fast völlig unaufgelößt über die mit Schleim bekleidete Fläche des Speisekanals hinüber, bis sie (auf diesem Wege schon selbst mit Schleim überzogen) von Ercrementen vollends eingehüllt ihren natürlichen baldigen Abgang findet.

Unendlich anders ist es mit der Auflösung, und zwar der innigen Auflösung. Diese sey so dünn als sie wolle, sie berührt bei ihrem Durchgange in den Magen doch weit mehr Punkte der lebendigen Faser und erregt, da die Arznei nicht atomisch, sondern bloß dynamisch wirkt, weit stärkere Zufälle, als die millionmal mehr (unthätig bleibende) Arzneitheile enthaltende compacte Pille vermag.

*) Schon bloses Wasser ist einer beständigen Gährung unterworfen, am meisten, wenn Gewächssubstanzen darin aufgelößt sind, welche dann in wenig Stunden ihre Arzneikraft verlieren. Ohne Zusatz von etwas Geistigem kann man sie keinen halben Tag in ihrer Integrität erhalten. Die ausgepreßten Kräutersäfte gehen schon in der selben Minute in Gährung. Man wird Wasserschierlingssaft in Menge ohne Schaden trinken können, wenn er 24 Stunden in mitler Temperatur gestanden hat; es ist dann eine Art Essig. Zu einigen Kräutersäften habe ich, zu andern sogar gleiche Theile starken Weingeist setzen müssen, um ihre Gährung zu hindern. (*)

*[dt: Wer, was, wo, mit welchen Mitteln, warum, auf welche Weise, wann?]


Hufelands Journal. Bd. 6, Hft. 2, Jahrg. 1801. S. 152-155

(Kommentare) von Samuel
[Kommentare] von mir
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Das waren die ersten 4 Seiten seines Beitrags, die anderen 4 kann ich auf Wunsch noch anhängen. Aber schon jetzt beinhaltet er in meinen Augen die pure Essenz der Homöopathie. Die 10 Schüttelschläge waren noch "fünf Minuten langes Schütteln", die Potenz sehr niedrig und die Erklärung mMn verständlicher für den Laien als alles, was er so ausschweifend und detailverliebt in späteren Werken schrieb.

Auch verwendet er den Begriff "dynamisch" als Abgrenzung zu "atomisch", also Wirkung durch eine Kraft statt durch etwas Raumeinnehmendes.


zuletzt bearbeitet 31.01.2018 22:10 | nach oben springen

#2

RE: Hahnemann: Ueber die Kraft kleiner Gaben der Arzneien

in Allgemeines zur Homöopathie 01.02.2018 20:03
von Miraculix | 152 Beiträge | 880 Punkte

Hier die restlichen Seiten:

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Warum aber, wendet man mir ein, warum sahen nicht außer dir auch andre Aerzte jene auffallende Wirkung der Belladonna (und andrer Arzneien) in so kleiner Gabe? Die Antwort ist nicht schwer.

Erstens, weil Viele bloß wässerige Auflösungen versucht haben mögen, deren Arzneikraft, wie oben erinnert, in wenigen Stunden verschwunden ist, durch die innere Gährung des Wassers vernichtet;
zweitens weil viele Aerzte, ununterrichtet über die bloß dynamische Wirkung der Arzneien, sich durch ihren unbesiegbaren vorgefaßten Unglauben von jedem Versuche dieser Art abhalten ließen;
drittens, weil kein Arzt die positiven und absoluten Wirkungen der Arzneien zu beobachten und zu studiren würdigt, weil die meisten sich mit der Erlernung der Traditionen in den Arzneimittellehren, daß ist, des allgemeinen, oft erträumten Zwecks der Arzneien begnügen – „die Belladonna hilft (und hilft nicht) in der Wasserscheu“ – hilft (und hilft nicht) in dem Gesichtskrebse“ etc. „Weiter brauchen wir nichts zu wissen.“

Welche Organe sie in ihrer Thätigkeit hindert, welche sie anders modificirt, welche Nerven sie vorzüglich betäubt oder erregt, welche Umstimmung sie dem Blutlaufe, dem Verdauungsgeschäfte giebt, wie sie die Denkart, wie sie das Gemüth afficirt, welchen Einfluß sie auf einige Absonderungen äußert, welche Modification die Muskelfaser von ihr erhält, wie lange ihre Wirkung dauert und wodurch sie unkräftig gemacht wird; alles dieß will der gewöhnliche Arzt nicht wissen, und – so weiß er es denn auch nicht. In dieser Unwissenheit sieht er oft die eigenthümlichen Aeußerungen kleiner Gaben Belladonna für natürliche Krankheitsänderungen an, und so wird er nie erfahren, was kleine, geschweige die kleinsten Gaben Belladonna thun, da er überhaupt nicht weiß, welche Wirkungen Belladonna hervorbringt, und es auch nicht zu wissen verlangt.

Es ist eine unerhörte Sache für den gewöhnlichen Arzt, wenn man ihn bedeuten will, daß eine genannte Person von derjenigen Arznei, die sie in gesunden Tagen ohne sonderliche Beschwerde verschluckte, nur ein Milliontel brauche, um stark aficirt zu werden; und doch ist es unläugbar. Es ist Thatsache, daß in Krankheiten der Erhaltungstrieb, nebst allen, ihm untergeordneten, noch namenlosen Kräften (ein Theil derselben gleicht fast dem Instinkte der Thiere) unendlich regbarer ist, als in gesunden Tagen, wo der Verstand und die Vollkraft der unverletzten Maschine solcher ängstlichen Wächter nicht bedarf. Wie fein distinguirt der Kranke Getränke, die ihm wohlthun, von den ihm schädlichen! In einer großen Entfernung wittert der mit einem akuten Fieber Befallene die Annäherung einer Fleischbrühe aus, wovor sein jetzt wacher, noch ungekannter Erhaltungs-Sinn den lebhaftesten Abscheu bezeiget. Er wird sich gewaltsam erbrechen, wenn man sie ihm zunahe bringt. Wird ihm Zitronsäure zuträglich seyn – denn, siehe, beim Namen derselben verändern sich schon alle seine Mienen zur Freude, zur Sehnsucht. Und doch, wie gleichgültig war ihm das eine und das andre in gesunden Tagen!

Unendlich erregter mit einem Worte sind beim Kranken alle uns selbst dem Namen nach noch unbekannten Kräfte, die auf Erhaltung und auf Vermeidung der Zerstörung des Lebens Bezug haben. Welche ungeheure Portion frischer Fleischbrühe mag bei einem gesunden Magen wohl dazu gehören, um ihm gewaltsames Erbrechen zu erregen! Und siehe, der akute Fieberkranke bedarf keines Tropfens hiezu; der blose Geruch derselben, vielleicht der millionste Theil eines Tropfens, der die Nasenhaut berührt, ist hiezu schon hinreichend.
Wird man wohl einsehen lernen, wie klein, wie unendlich klein die Gaben der Arzneimittel im kranken Zustande seyn dürfen, um den Körper stark zu afficiren? Ja! sie afficiren ihn stark, wenn sie unrecht gewählt sind; es kommen neue heftige Symptome dazu, und man pflegt (ob mit Recht oder Unrecht, gehört nicht hierher) zu sagen, die Krankheit habe sich verschlimmert. Sie afficiren ihn eben so stark, wenn sie treffend gewählt sind, die größte Krankheit weicht oft in wenigen Stunden.

Je mehr sich die Krankheit einer acuten nähert, desto geringere Gaben Arzneimittel (ich meine der bestgewählten) bedarf sie, um zu verschwinden. Auch die mit Schwäche und allgemeinem Uebelbefinden verbundenen chronischen Krankheiten bedürfen nicht größerer. Blos wo bei einem örtlichen Fehler allgemeine Gesundheit zu herrschen scheint, müssen wir von den anfänglich ganz kleinen Gaben zu größern fortgehen, zu den größten aber, wo die Arzneimittel bloß palliativ passend sind.

Wem diese allgemeinen Winke genügen, der wird mir auch glauben, wenn ich versichere, daß ich verschiedene Lähmungen gehoben habe durch mehrwöchentlichen Gebrauch einer sehr verdünnten Belladonna-Auflösung, wo auf die ganze Kur noch kein voller Hunderttausendtel-Gran Belladonna-Dicksaft kam, und einige periodische Nervenkrankheiten, Dispositionen zu Blutschwären etc. durch einen nicht vollen Milliontheil in der ganzen Kur.

Wenn die passende Arznei in Auflösung schon in so kleiner Gabe hilft, wie sie denn auch wirklich hilft – wie äußerst wichtig ist dann nicht auf der andern Seite der Umstand, daß, falls sie ja unrecht gewählt seyn sollte, eine so kleine Gabe doch selten so bedenkliche Zufälle erregen kann (gemeiniglich Krankheits-Verschlimmerungen genannt,) die nicht bald von selbst verschwinden, oder durch eine Kleinigkeit von Gegenmitteln verwischt werden könnten!

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Gäbe es Bedenken gegen eine HAMP mit mindestens 30 Prüfern, die eine C2 von einem der klassischen Mittel (es muss ja nicht Belladonna sein) nehmen und deren Beschreibungen dann wissenschaftlich korrekt doppelt verblindet ausgewertet werden? Diese 30 werden in 3 Gruppen eingeteilt, 10 bekommen Belladonna, 10 eins von neun anderen Mitteln und 10 Rohglobuli. Falls die Wirkungen dieser Tiefpotenz heftiger wären als die Beschriebenen aus der Zeit Hahnemanns (das müßte natürlich vorher überprüft werden) könnte man ja schrittweise bis zur C12 hochgehen.

Falls jemand eine Idee hat, was "die Wissenschaft" daran noch bemängeln wollte, möge sie bitte mit mir teilen


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#3

RE: Hahnemann: Ueber die Kraft kleiner Gaben der Arzneien

in Allgemeines zur Homöopathie 01.02.2018 20:29
von ilse • Administratorin | 2.705 Beiträge | 11447 Punkte

Ach, Miraculix, es sind doch schon reichlich HAMP (was für ein Wort!) gemacht worden - und haben sie je jemanden (außerhalb der Homöopathieanhänger) besonders interessiert? Wenn man mal von dem "Massenrausch der Heilpraktiker" 2015 in Handeloh absieht?
LG ilse


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#4

RE: Hahnemann: Ueber die Kraft kleiner Gaben der Arzneien

in Allgemeines zur Homöopathie 01.02.2018 21:21
von Miraculix | 152 Beiträge | 880 Punkte

Liebe Ilse,

Du kennst doch die moderne Welt, was nicht dem "Standard" entspricht interessiert auch nicht. HAMP nach wissenschaftlichem Standard hingegen lassen sich nicht mehr ignorieren. Wie viele dieser reichlichen HAMPs entsprechen denn diesen Standards?
Ich fürchte "ein paar" wäre bereits eine positive Nachricht

Die Abkürzung HAMP behagt mir auch nicht, aber sie ist halt wesentlich schneller zu schreiben als "homöopathische Arzneimittelprüfung", und trotzdem weiß man was gemeint ist.

LG
Rainer


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