#1

"Sorge um das Seelenheil"

in Repertorium Sprache und Deutung 15.01.2010 22:13
von Old bear • Administrator | 650 Beiträge | 650 Punkte

Wir haben es in den Repertorien nicht nur mit altertümlicher Sprache zu tun (da sehe ich noch das geringere Problem) als auch mit überlebten, oder sagen wir mal neutraler, aus der Mode gekommenen Ideologien und religiösen Vorstellungen.
Die berühmte Anacardium-Dualität "Engel auf der einen Schulter und Teufel auf der anderen" kann ich auch, wenn ich als moderner, rational denkender Mensch weder an Engel noch an Teufel glaube, gut übersetzen in Bewußtseinsspaltung zwischen gut und bösartig ("Dr. Jekyll und Mr Hyde - Phänomen). Damit kann ich also auch heute noch etwas anfangen, denn stark widersprüchliche, moralisch gespaltene und sogar schitzophrene Menschen gibt es ja der Sache nach immer noch.
Was ist aber mit Symptomen wie "übertriebene Sorge/Angst/Verzweiflung um das Seelenheil", auf die man überall noch stößt, obwohl derlei Sorgen wohl nur noch Hardcore-Ratzimger-Fans oder den rückständigsten Evangelikalen oder fanatischen Sektenmitgliedern des mittleren Westens vertraut sein dürften, vielleicht noch Scientology-Mitgliedern.
"Sorge um den Geisteszustand" ist es ja ganz sicher nicht, eher das Gegenteil.
Betrifft das auch modische "spirituelle" Ideologien des "Wassermann-Zeitalters" und der Eso-Szene?
Ist auch "in Sorge um sein Seelenheil", wer bei einem Buffet auspendelt, welche Nahrungsmittel ihm "Energien abziehen"?
Muß man heutzutage einen an der Klatsche haben, um unter diese Rubrik zu fallen (oder mußte man das schon immer)?
Wie würdet Ihr mit einer solchen Rubrik heute umgehen?
Sie auf krankhafte religiöse Fanatiker beschränken (was ja zu Hahnemanns und Kents Zeiten sicher nicht so gedacht war) und ansonsten ignorieren?
Oder hat jemand eine Idee, wie man das heutzutage modern und zutreffend ausdrücken könnte, was die alten Meister (die ja zeitentsprechend überwiegend fromm waren) damit gemeint haben?
Fragen über Fragen von
Thomas


Thomas B., Tierheilpraktiker und Klassischer Homöopath
"Manchen Menschen verbietet ihre gute Erziehung, mit vollem Munde zu reden; aber sie haben keine Bedenken, es mit leerem Kopf zu tun" (Oskar Wilde)

zuletzt bearbeitet 15.01.2010 22:33 | nach oben springen

#2

RE: "Sorge um das Seelenheil"

in Repertorium Sprache und Deutung 15.01.2010 22:20
von kügelchen (gelöscht)
avatar

Zitat von Old bear

Betrifft das auch modische "spirituelle" Ideologien des "Wassermann-Zeitalters" und der Eso-Szene?


Ich denke: ganz sicher! Und würde versuchen diese Rubrik nicht im Wortsinn zu verstehen, sondern danach, welches Lebensgefühl die Betroffenen umtrieb oder auch heute umtreibt. Da muss man, um nicht allzu sehr zu spekulieren, sicher wieder in der primären AML nachlesen. Aber grundsätzlich denke ich, dass es Menschen sind, für die solche Begriffe wie "richtig" und "falsch" eine große Rolle spielen, die ihr ganzes Leben danach ausrichten, alles "richtig" zu machen - WIE dieses "Richtig" dann konkret aussieht, ist in meinen Augen zweitrangig.

Zitat

Ist auch "in Sorge um sein Seelenheil", wer bei einem Buffet auspendelt, welche Nahrungsmittel ihm "Energien abziehen"?


Großartiges Beispiel!!! *kicher* Genau sowas.

LG
Riek

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#3

RE: "Sorge um das Seelenheil"

in Repertorium Sprache und Deutung 16.01.2010 02:06
von ilse • Administratorin | 2.712 Beiträge | 11512 Punkte

Hallo, Thomas,
die Wortwahl klingt altertümlich, wird in den AML auch meist mit Religiosität verknüpft, aber den Zustand gibt es auch heute. Riek hat ganz treffend das Stichwort Lebensgefühl genannt.

Die wesentlichen Komponenten dieses Zustands sind, versagt/sich schuldig gemacht zu haben und Strafe zu verdienen. Es spielt keine Rolle, ob früher die Kirchen uns das eingeredet haben - der Zustand ist derselbe. Nur dass uns nicht mehr der liebe Gott bestraft, das machen wir heute selbst. Eine anschauliche Beschreibung gibt z. B. das AMB von Aurum.
LG ilse

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#4

RE: "Sorge um das Seelenheil"

in Repertorium Sprache und Deutung 16.01.2010 14:58
von Wolfi | 754 Beiträge | 1230 Punkte

Zitat
Die wesentlichen Komponenten dieses Zustands sind, versagt/sich schuldig gemacht zu haben und Strafe zu verdienen.



und das Abhängigkeits- und Unsicherheitsgefühl spielt m.E. eine Rolle. Eine ständige Angst, weil man nicht weiß, ob die (vielleicht sogar selbstauferlegte) Sühne genug ist, die Schuld abzugelten, man immerzu unsicher bleibt, ob nicht doch noch eine "ewige Verderbnis" aus der Schuld folgt.
Denn es gibt ja im Gegensatz auch die, die eine eigene Schuld anerkennen und ebenso die Strafe dafür, damit ist es aber für sie auch ausgeglichen.

Zitat
Menschen sind, für die solche Begriffe wie "richtig" und "falsch" eine große Rolle spielen, die ihr ganzes Leben danach ausrichten, alles "richtig" zu machen - WIE dieses "Richtig" dann konkret aussieht, ist in meinen Augen zweitrangig.



Mir scheint daher dies die passende Umschreibung. Und es ist zwar zweitrangig, was im Einzelnen richtig ist, aber der Punkt ist, daß dieses "richtig" nicht von ihnen selbst bestimmt wird, und sie immer im Unsicheren sind, ob sie es "diesem anderen, der bestimmt" Recht machen. Also ein Mangel an Selbstregulation. DAs besondere Merkmal von Religionen ist doch, daß man nicht selbst bestimmt, sondern nachbeten muß, abhängig ist von Absolution und Vergebung, und man diese Güte, ob oder ob nicht, nicht wirklich beeinflussen kann.

Und wer ängstlich den Einfluß von etwas auf sich selbst zuvor auspendeln muß, weil er sonst fürchtet, einen unverzeihlichen Fehler zu machen, der ist ja genauso abhängig in seiner Angst.


Omnia mutantur, nihil interit - Alles verändert sich, nichts geht zugrunde

zuletzt bearbeitet 16.01.2010 15:11 | nach oben springen


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