#1

Krankheitsdynamik

in Allgemeines zur Homöopathie 02.10.2009 22:38
von ilse • Administratorin | 2.711 Beiträge | 11492 Punkte

Mal vorweg: Das ist m. E. was für chronische, verwickelte Krankheiten. Bei akuten, abgegrenzten Fällen nicht anwendbar - da gibt es ja keine Dynamik, die zu erforschen wäre.

Tjado reitet immer auf der Dynamik herum, zu Anfang verstand ich nur Bahnhof. Bisschen was habe ich inzwischen kapiert, aber so richtig firm bin ich auch noch nicht. Wer ergänzen, korrigieren will: herzlich willkommen!

Die Krankheitsdynamik ist der Prozess der Symptomenentwicklung beim Patienten. Man erforscht sie, indem man fragt: Wann, wo, wie, in welchem Zusammenhang sind welche Symptome aufgetreten?
Das Ergebnis dieser Erforschung ist wichtig fürs Krankheitsverständnis und das wiederum ist wichtig für die Verschreibung und die Beurteilung des Verlaufs nach der Mittelgabe.

Wenn ich den Überblick über die Symptomenentwicklung habe, kann ich beurteilen,

- ob es sich bei dem Patienten um 1 Krankheit/Dynamik handelt und ich folglich alle aufgetretenen charakteristischen Symptome mit 1 Mittel erfassen kann, das diese Symptome charakteristisch im Bild hat.

- oder ob es sich um 2 oder mehr Krankheiten/Dynamiken handelt, die unabhängig nebeneinander oder abwechselnd bestehen oder miteinander "verkompliziert" sind. Das lässt sich (hoffentlich) an unterschiedlichen Symptomengruppen/-mustern erkennen, die bei verschiedenen Krankheitszuständen aufgetreten sind.

In einem solchen Fall darf ich nur auf die Symptome der jetzt im Vordergrund stehenden Krankheit verschreiben.
Würde ich dagegen auf alle aufgetretenen Symptome (der verschiedenen Krankheiten) verschreiben, gäbe es entweder gar keine Reaktion oder in einem Teilbereich eine Besserung, und die anderen Bereiche würden sich währenddessen vielleicht sogar verschlechtern.

Ich glaube, das reicht erstmal.
LG ilse

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#2

RE: Krankheitsdynamik

in Allgemeines zur Homöopathie 03.10.2009 08:46
von Frank • Administrator | 1.759 Beiträge | 2023 Punkte

Nun das liest sich doch logisch. Die Schwierigkeit liegt hier imho nicht so sehr in der Anwendung unseres homöopathischen Wissens sondern vielmehr in dem zwingendem Vorhandensein fundierter medizinischer Kenntnisse der Pathognomie. Ohne diese Kenntnisse ist es fast unmöglich den von Dir beschriebenen Unterschied wirklich exakt wahrzunehmen.

Ich habe die Folgen fehlender Veterinärmedizinischer Ausbildung während meiner Hospitantenzeit beim Tierarzt hautnah erleben dürfen. Da dachten THP und Halter auch sehr oft das der Patient doch nun auf dem Weg der Besserung wäre und nur eine neue Sache hinzugekommen sei für die es die passenden Naturheilkundlichen Mittel geben würde, die aber momentan beim Patienten noch nicht so ansprechen würden. Sie kamen dann mit dem Fall in die Praxis als es schon fünf vor zwölf war und wir durften dann in vielen Fällen schnell eine Not Op vorbereiten.

Schon mein Konterfei hat mal geschrieben das ein guter Homöopath auch ein sehr guter Mediziner sein muss.


LG
Frank


zuletzt bearbeitet 03.10.2009 08:47 | nach oben springen

#3

RE: Krankheitsdynamik

in Allgemeines zur Homöopathie 03.10.2009 11:52
von ilse • Administratorin | 2.711 Beiträge | 11492 Punkte

Hallo, Frank,
genau: medizinische Kenntnisse sind wichtig und damit auch die Untersuchung/Diagnostik. Es macht ja schon einen Unterschied, ob ich einen Husten durch Erkältung oder durch Lungenkrebs behandle. Da steht man sonst da und wundert sich, warum ein Mittel nicht wirkt, obwohl doch alle Symptome prima passen.

Das Nützliche an der Erforschung der Dynamik ist, dass man einen Überblick gewinnt, sortieren kann, bevor man sich ans Reppen und Verordnen macht - was gehört wozu, gibt es ein für den Patienten charakteristisches Symptomenmuster (z. B. bei jeder Beschwerde Kopfweh und Diarrhoe dabei), oder tritt ein Symptomenmuster zurück, sobald ein neuer Krankheitszustand auftaucht, gibt es genetisch verankerte Beschwerden usw.
Allerdings gibt's auch Fälle, in denen sich die Zusammenhänge erst im Verlauf der Behandlung zeigen.

Auf jeden Fall ist das Ganze ziemlich kompliziert. So richtig begreifen lässt sich das sicher nur durch die Praxis.
LG ilse

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#4

RE: Krankheitsdynamik

in Allgemeines zur Homöopathie 03.10.2009 12:35
von Frank • Administrator | 1.759 Beiträge | 2023 Punkte

Ich versuche das mal am Beispiel der Diphtherie festzumachen:

Die Diphtherie ist eine bakterielle Erkrankung durch Stäbchenbakterien. Es gibt verschiedene Arten von Diphtherie die sich lokal äußern. Rachendiptherie, Nasendiphtherie, Kehlkopfdiphtherie, Hautdiphtherie. Dann unterscheidet man noch zwischen progredienter Diphtherie und toxischer Diphhterie.

Wir nehmen jetzt mal die Rachendiphtherie, welche mit einem Aufkommen von 50% zu den häufigsten Formen gehört.
Prämisse: Unsere medizinische Ausbildung ist eher durchschnittlich und wir verfügen über wenig oder gar keine klinische Erfahrungen.

Anfangs haben wir uncharakteristische Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit und einem starken Krankheitsgefühl, Halsschmerzen und Schluckbeschwerden. Die Symptome betrachtend könnten wir eine Grippe vermuten und nach einem Grippemittel suchen. Wir geben ein homöopathisches Mittel welches die Symptome weitreichend abdeckt und als Grippemittel bekannt ist. Alles scheint zu passen doch dann kommt noch Fieber hinzu. "Prima" könnten wir sagen, eine Erstverschlimmerung! Alles wird gut. Das Fieber liegt zwischen 38 und 39 Grad und steigt langsam immer mehr an. Wir warten ab, weil wir ja gelernt haben geduldig zu sein. Alles wird gut.

Nichts wird gut. Es ist ja eine Rachendiphtherie und das hohe Fieber ist meist ein Zeichen von einer toxischen Verlaufsform. Da sich der Patient nun immer mehr beschwert will es ihm nun wirklich nicht besser geht schauen wir im mal in den Rachen und sehen einen ziemlich stark geröteten Rachen mit weißlichen kleinen Flächen die im gesamten Rachenraum zu sehen sind. Der Patient hat einen süsslichen Mundgeruch und die Halslymphknoten sind geschwollen. Wir reppen also erneut und nehmen diese neuen Symptome als neu hinzugekommen hinzu. Es scheint ihm nach der Mittelgabe etwas besser zu gehen, doch dann schwillt sein Hals plötzlich ödematös an; wir denken natürlich sofort an Apis welches auch hervorragend zu dem feuerroten Hals passt. Das dritte Mittel also. Jetztz muss es doch besser werden schließlich sind wir doch auf alle neuen Symptome eingegangen. Während wir noch über unsere Mittelgabe grübeln überschwemmen unzählige Diptherietoxine den Organismus unseres Patienten. Er verlässt in den folgenden Tagen zwar ab und zu das Bett aber sein Husten wird wieder stärker. Aha eines der ersten Symptome kehrt zurück. Er bewegt sich wieder mehr und es könnte ja sein das er seine Symptome nach und nach abarbeitet und das in umgekehrter Reihenfolge. Alles wird gut denken wir, während die Toxine den Herzmuskel angreifen und dadurch das Husten bei Anstrengung verursachen. Nun wird es unserem Patienten immer schlechter. Er muss sich fortwährend erbrechen und hat auch noch Durchfall dazu. Klar denken wir sofort an Arsenicum album. Leider bekommt der Patient in diesem Moment einen Kreislaufschock und wird in letzter Minute vom Notarzt ins Krankenhaus gebracht und ist nun wieder auf dem Wege der Besserung. In der örtlichen Tageszeitung liest man dann die Überschrift " Heilpraktiker verletzt Sorgfallspflicht Patient in letzter Sekunde gerettet" und man hat irgendwie das Gefühl das die Praxis in den nächsten Monaten nicht so toll laufen wird.

Diese kleine Geschichte ist absichtlich überspitzt geschrieben und passiert natürlich nicht nur Heilpraktikern; auch junge Ärzte sind mit im Boot.

Die toxische Diphtherie ist übrigens eine gefürchtete Komplikation weil sie sich meist unbemerkt entwickelt. Ab der dritten bis zur siebten Krankheitswoche kann das dazukommen wobei es sogar zum plötzlichen Herztod kommen kann. Durch die Fernwirkung der Toxine können aber auch die Nieren oder Nerven oder sogar die Augenmuskeln, der Nervus facialis oder der Kehlkopfnerv betroffen sein. Ich hätte die kurze Geschichte also noch viel weiter breittreten können.

LG
Frank


zuletzt bearbeitet 03.10.2009 12:38 | nach oben springen

#5

RE: Krankheitsdynamik

in Allgemeines zur Homöopathie 03.10.2009 18:39
von Cara (gelöscht)
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Zitat von Frank
Ich versuche das mal am Beispiel der Diphtherie festzumachen...


Frank ... HP dürfen keine Diphterie nie nicht behandeln. Zudem fällt Diphterie unter die Meldepflicht. Anginen sind streptokokkenverdächtig (dürfen HPs auch nicht ran). Egal, was du tust, du musst den Patienten in dem von dir geschilderten Fall zum Arzt überweisen.

Wollt ich nur mal einwenden, obwohl ich deinen Ansatz und Grundgedanken gut verstehe.


zuletzt bearbeitet 03.10.2009 18:39 | nach oben springen

#6

RE: Krankheitsdynamik

in Allgemeines zur Homöopathie 03.10.2009 20:36
von Frank • Administrator | 1.759 Beiträge | 2023 Punkte

Zitat von Cara

Zitat von Frank
Ich versuche das mal am Beispiel der Diphtherie festzumachen...


Frank ... HP dürfen keine Diphterie nie nicht behandeln. Zudem fällt Diphterie unter die Meldepflicht. Anginen sind streptokokkenverdächtig (dürfen HPs auch nicht ran). Egal, was du tust, du musst den Patienten in dem von dir geschilderten Fall zum Arzt überweisen.
Wollt ich nur mal einwenden, obwohl ich deinen Ansatz und Grundgedanken gut verstehe.




Als erstes muß der oder die HP erst einmal Diphtherie diagnostizieren! Es gibt genügend Jungärzte die daran kläglich scheitern. Die machen ihr Praxisjahr im Krankenhaus und sitzen in der Nacht mit einer ganzen Etage voll mit Patienten und beten jede Nacht das keiner kollabiert. Reanimation ist auch nicht jedermanns Sache.
Das HP`s keine Diphtherie behandeln dürfen ist mir absolut klar. Heilpraktiker dürfen von Recht wegen so gut wie gar nichts. Die HP`s werden ja heute noch von einem Gesetz der NS Zeit welche die jüdischen Ärzte am praktizieren hindern sollte gegeißelt.

LG
Frank


zuletzt bearbeitet 03.10.2009 20:40 | nach oben springen


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