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Schlauheiten von Margaret

in Allgemeines zur Homöopathie 19.10.2018 15:42
von homöoslave | 788 Beiträge | 4900 Punkte

Hi

von der Narayana Webside:

Die homöopathische Verschreibung - Wie man es besser nicht machen sollte
Von Margaret Tyler




[ANMERKUNG DES HERAUSGEBERS – In einer Zusammenfassung der häufigsten Fehler derer, die ohne solide Grundkenntnisse in ihre homöopathische Laufbahn starten, beschreibt Dr. Tyler sehr anschaulich, was in diesen Fällen bedauerlicherweise passieren kann; gleichzeitig gibt sie Tipps, wie man diese und andere Fehler erfolgreich vermeidet.]



Dr. Kent, Dr. Gibson Miller und andere können uns aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung und vielen erfolgreich gelösten Fällen sagen, wie man es am besten macht. Ich zähle mich auch zu den Hochqualifizierten und kann Ihnen nach mehreren Jahren mäßig guter Verschreibungen und vielen Misserfolgen genau sagen, was man am besten nicht tun sollte.

Früher war ich überwältigt von Hochgefühl und Freude, wenn ich das richtige Mittel gefunden hatte. Das passierte glücklicherweise oft genug, um bei einer zuversichtlichen und optimistischen Person wie mir die Begeisterung für den Beruf zu halten. Wenn man aber genauer hinschaut, dann wird klar, dass ich in vielen Fällen auf ganzer Linie versagt hatte. In der Hoffnung, anderen in der gleichen Situation helfen zu können, werde ich versuchen meine Misserfolge zu Papier zu bringen.

Die Homöopathie – das wissen Sie und ich – hat früher wie heute gut funktioniert. Ich hatte sie damals aber noch nicht richtig gemeistert. Meine Vorstellungen waren viel zu ungehobelt, meine Methodik zu planlos und unstrukturiert und folglich funktionierte es nur sporadisch. Die Kraft war da, wie man an der einen oder anderen erfolgreichen Verordnung sehen konnte, aber ich konnte nicht zuverlässig und selbstverständlich jeder Zeit darauf zurückgreifen. Ich besaß noch nicht die innere Ruhe und Zielstrebigkeit derer, die die Kräfte, mit denen sie arbeiten, nicht nur verstanden haben, sondern auch ihre Gesetzmäßigkeiten, ihre Grenzen und die Besonderheiten ihres Erscheinungsbildes kennen.

Kurz, ich hatte den Stoff nicht verstanden und beherrschte die Philosophie dahinter nicht… Um ehrlich zu sein, hatte ich keine Ahnung, dass es da so etwas wie eine Philosophie gab. Ohne die entsprechende Philosophie kann man homöopathische Arzneien zwar verwenden – auch als Therapeut – aber man ist noch lange kein Homöopath und wird nie homogene und durchgehend zufriedenstellende Ergebnisse erzielen. Man wird noch nicht einmal in der Lage sein, die Resultate, die man unter Umständen erzielt, einzuschätzen und angemessen zu reagieren.

WENN MAN ETWAS MEISTERN WILL, MUSS MAN SICH ZUALLEREST UNTERWERFEN

Man sollte immer bedenken, dass der wichtigste Aspekt der Macht darin besteht, diese zügeln und in die richtigen Bahnen lenken zu können. Dazu muss man sich den Gesetzmäßigkeiten fügen können. Die Elektrizität, zum Beispiel, ist zweifelsohne eine sehr mächtige Form von Energie, die selbst der größte Skeptiker nicht leugnen mag. Um diese gewaltige Energie aber nutzen zu können, müssen wir sie den Gesetzmäßigkeiten der Natur entsprechend für uns gewinnen, wir müssen uns ihren Eigenarten beugen, müssen sie kennenlernen und erforschen und sie nach ihren eigenen Vorgaben nutzen. Erst wenn man ihre Gesetzmäßigkeiten verstanden und verinnerlicht hat, kann man sie zum Wohle der Menschheit einsetzen.

Mit der Homöopathie ist es genauso. Dort gibt es keine Faustregeln. Ein Kind kann mit einem Feuerstein experimentieren und damit Funken erzeugen, aber das heißt noch lange nicht, dass es in der Lage wäre, den Funken als zuverlässige Stromquelle zu nutzen, denn dazu müsste es die Naturgesetze genau kennen und anwenden können.

Keine mächtige Naturgewalt funktioniert ohne die entsprechenden Gesetze und Einschränkungen; diese gilt es in Betracht zu ziehen oder wir werden kläglich scheitern.

Mit der Homöopathie ist es wie mit der Elektrizität, es funktioniert nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip! Beide Energieformen werden nur anhand ihrer Resultate sichtbar. Und bei beiden gibt es nichts Halbes. Die Methodik muss sitzen, wenn Sie gleichmäßig gute und zuverlässige Ergebnisse erzielen wollen. Hier und da mal ein Funke – der auch zerstörerisch sein kann – ist noch lange kein Erfolg. Um in der eigenen Arbeit überzeugend zu sein und sich stetig zu verbessern, sollte man wissen, wie der Funken genutzt werden kann. Dazu braucht es Methode.

DIE VERSCHREIBUNG NACH KRANKHEITEN

Der erste und meist fatale Schritt für viele Homöopathen ist die Verschreibung nach Krankheiten. Man kennt die Krankheit und findet dazu die passende Arznei.

Man kennt Rhus und Bryonia als ‚rheumatische‘ Arzneien und pendelt quasi zwischen den beiden hin und her. Wenn diese Arzneien dann den Fall nicht heilen, der nach Sulphur oder Tuberculinum oder gar dem Zahnarzt verlangt, dann wird die Homöopathie dafür verantwortlich gemacht.

Man weiß, dass Sulphur und Graphites sogenannte ‚Hautmittel‘ sind, die aber bei Patienten nicht helfen (und das sind nicht wenige), bei denen Pulsatilla angezeigt wäre.

Man tut Sepia als ‚Frauenmittel‘ ab und verachtet jeden, der es wagt, dieses Mittel einem Säugling zu geben. Und das, obwohl man in der Homöopathie ausschließlich nach individueller Indikation verschreiben sollte.

Eine tuberkulöse Daktylitis vielleicht, die ausgerechnet mit Sepia geheilt wurde!

Ein Kropf mit einem harten Knoten im rechten Lappen – noch nicht einmal im linken - , der mit Sepia geheilt wurde (solche Fälle habe ich kürzlich in der British Homeopathic Society vorgestellt).

Oder eine Obstipation, die mit Rhus oder gar Variolinum (siehe Dr. Burnett) geheilt wurde.

Oder (einem meiner Mitarbeiter gelang es vor Kurzem) ein Fall von nächtlicher Gastralgie mit Auszehrung, die mit einer einzigen Gabe Syphilinum geheilt wurde.

Wenn Sie es richtig machen und regelmäßig Erfolge erzielen wollen, dann müssen Sie die Krankheit sein lassen und sich auf den Patienten konzentrieren. Dann sollten Sie nicht sagen „Hier habe ich einen Fall von Rheuma und weil Rhus ein gutes Mittel für Rheuma ist, werde ich das ausprobieren“, sondern „Hier habe ich eine Sepia-Patientin vor mir und deswegen braucht sie Sepia, ganz egal unter welcher Krankheit sie leidet“. Hätte ich das doch nur schon zu Anfang meiner Karriere gewusst!

Und lassen Sie sich nicht dazu verführen zu sagen „Ich habe versucht, diesen Fall homöopathisch zu lösen, aber die Homöopathie konnte nicht helfen“. Denken Sie daran: Sie haben versagt, nicht die Homöopathie. Die Energie, die Kraft war da, nur haben Sie nicht gewusst, wie Sie diese Energie anwenden können. Sobald Sie das zugeben können, kennen Sie die Grenzen ihres eigenen Wissens.

DIE ARZNEIMITTEL ZU OFT GEBEN

Der zweite, nicht weniger fatale, Fehler liegt in dem geheimnisvollen Kürzel t.d.s (ter die sumendum) verborgen, welches die Erfahrenen unter uns ausschließlich für Placebo reservieren. Ich glaube, dass dieses Kürzel schon mehr Homöopathen verdorben hat als man sich vorstellen kann.

Dicht gefolgt an zweiter Stelle von der absurden Zauberformel derer, die sich selbst als hochklassige Homöopathen bezeichnen: ‚einmal pro Woche‘. Als ich meine steile Karriere der Fehlverschreibungen und Misserfolge begann, war es Mode, vor allem chronische Fälle mit t.d.s-Gaben zu behandeln. Stellen Sie sich das einmal vor! Und weil ich nie gelernt hatte, richtig zu verschreiben, bin ich kopfüber in die Falle getappt. Meine Mutter, die noch richtig gute Homöopathie gelernt hatte, protestierte umsonst! „Das kannst du nicht machen“ sagte sie zu mir. „Es ist nicht richtig, die Arzneien über Wochen hinweg täglich einzunehmen. Das ist keine Homöopathie. Sobald man eine Besserung erkennen kann, muss das Mittel sofort abgesetzt werden. Es darf nur erneut gegeben werden, wenn die Symptome unverändert wieder auftreten.“

Aber t.d.s war so en vogue, dass ich beschloss, auch weiterhin so zu verschreiben. Ich wusste, wie meine C30 und C200-Potenzen wirkten und verordnete diese einmal täglich oder ein- bis dreimal pro Woche, je nach Lust und Laune. Natürlich bedachte ich damals nicht, dass wenn man schon mal dieses t.d.s – Spiel spielt, sollte man die Arznei in materiellen Gaben verordnen – sagen wir mal in einer D3, in der noch genug Materie vorhanden ist, um krude Effekte zu erzielen, dabei aber keinen größeren Schaden anrichten kann. Mit dieser Methode kann man rechte gute, wenn auch oberflächliche, Effekte erzielen.

Schlimmer noch: Ich verführte andere Homöopathen dazu, es mir gleich zu tun und die Hochpotenzen in häufigen Gaben zu verordnen. Ich selbst wunderte mich nicht selten, wenn nach einer guten Verschreibung der Patient wiederkam und berichtete: „In den ersten drei Tagen dachte ich, ich sei geheilt. Es ging mir so gut.“ Doch dann ging es bergab oder neue Symptome kamen dazu, für die ich wieder eine neue Arznei finden musste, und wieder mit dem gleichen Ergebnis.

Immer ging es den Patienten zuerst besser, dann wurde es schlimmer und manchmal einfach ein wenig anders, aber nie wurden sie geheilt!

Meine Damen und Herren, man kann jahrelang so vor sich her arbeiten und die eigenen Patienten über viele Jahre hinweg ‚heilen‘. Jedes Mal werden sie Ihnen den Rückschlag nach den ersten drei Tagen verzeihen. Sie werden Ihnen sogar dankbar sein und die schlechten Tage ihrer eigenen Krankheit zuschreiben. Und so entsteht ein regelrechter Teufelskreis: anfängliche Besserung; Arzneiwirkung; neue Verschreibung, welche die Symptome verschwinden lässt; neue Symptome treten auf; eine neue Arznei wird gegeben, wieder mit anfänglicher Besserung; dann begeht man den gleichen Fehler noch einmal und wieder treten neue Symptome auf, die durch eine erneute Arzneigabe kurzzeitig gebessert werden. So geht es dann weiter, man begibt sich in einen trostlosen Verschreibungszyklus und zur gleichen Zeit sinkt die Homöopathie in der eigenen Wertschätzung. Und die jungen Homöopathen wundern sich, weil man die Begeisterung für die eigene Sache irgendwie verloren hat. Schon damals hätte ich mit meinen eher beschränkten Kenntnissen viel Gutes tun und brillant verschreiben können, hätte ich meinen Patienten den Ratschlag mitgegeben, den ich von meiner Mutter so oft gehört hatte: „Sobald es Ihnen besser geht, dürfen Sie Ihre Arznei nicht mehr anrühren, außer wenn Sie eine deutliche Verschlimmerung erfahren.“

Ich befürchte fast, dass ich mehrere meiner Kollegen verdorben habe, indem ich sie an die hohen und höchsten Potenzen heranführte. Ich weiß, dass ich mich mit meinen Ausführungen selbst schlecht mache, aber vielleicht ist es vonnöten. Denn die Fehler, die ich in meiner großen Ignoranz begangen habe, leben in irgendeiner Ecke des London Homeopathic Hospital weiter und begegnen mir immer wieder, meist zu ungelegenen Zeiten – hinc illae lachrymae!

Ich habe erlebt, wie ein Kollege, der, wie er es formulierte, „mit den hohen Potenzen experimentieren“ wollte, Calcarea carb. CM verordnete, einen Monat lang dreimal täglich einzunehmen.

Und meine eigene Empfehlung, Tuberculinum wöchentlich zu nehmen - zusätzlich zu, sagen wir mal, Silicea C30 t.d.s (ausgerechnet Silicea, diese tiefwirkende Arznei mit einer Wirkdauer von 40-60 Tagen!) – verfolgt mich heute noch wie ein bösartiger Geist, den ich nicht so einfach vertreiben kann, indem ich an diesem Nachmittag Reue und Abbitte leiste.

DAS REPERTORIUM

Bei meinen Bemühungen ging es nicht ausschließlich um Phantasie und waghalsige Experimente, natürlich war ich auch bestrebt, meine Fälle auszuarbeiten, was keineswegs selbstverständlich ist. Ich verschrieb die falsche Arznei, was auch nicht selbstverständlich ist. Oft saß ich da und arbeitete stundenlang an einem Fall und oft war es für die Katz‘! Schließlich hatte mir niemand gezeigt, wie es geht.

Bis die ersten Lehrer aus Amerika zu uns kamen, wusste ich nicht, wie man die wertvollen Symptome, die entscheidend für den Fall sein können, erkennt. Niemand hatte mir gezeigt, wie man bestimmte Arzneimittel ausschließt und sich die Arbeit erleichtert, indem man sich auf die allgemeinen Symptome konzentriert, die am Patienten hervorstechen. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung davon, wie man die eigene Arbeitszeit bündelt.

In der Regel begann ich meine Fallausarbeitung damit, eine Liste der Arzneimittel zu erstellen, die – nehmen wir ein Beispiel – bei Obstipation gegeben werden. So arbeitete ich mich durch alle Symptome, wichtig und unwichtig, selbst mechanische Beschwerden wurden in die Gleichung geworfen und führten mich wahrscheinlich öfter als mir lieb ist in die Irre. Danach wurde alles rein rechnerisch ausgewertet. Nie stellte ich mir die Frage (dabei ist das unerlässlich), ob Patient und Arznei zueinander passten. Ab und zu fand ich ein gutes Arzneimittel, aber die Arbeit selbst war schrecklich, monoton und zahlte sich nicht einmal durch große Heilerfolge aus, geschweige denn finanziell.

Aber ich ließ mich nicht unterkriegen: Ich war bestrebt, die Kunst des Repertorisierens zu meistern und meinen eigenen Arbeitsaufwand zu verringern. Ich ging sogar so weit, ein ausgeklügeltes Karteikartensystem zu entwerfen – jedes Symptom hatte eine eigene Karteikarte, die dazu passenden Arzneien wurden gewissenhaft gelocht. Ich habe ohrenbetäubende Tausende von Karteikarten gelocht. Ich habe sie immer noch, einen ganzen Schrank voll. Aber selbst meine Karteikarten konnten mir nicht helfen, weil das System falsch war.

Wenn man weiß, wie eine gute Repertorisation funktioniert, ist ein kleines Portfolio von ungefähr 80 Karteikarten mit ‚allgemeinen‘ Symptomen ausreichend, um eine Fallanalyse zu beginnen. Oft braucht man für die Fallanalyse nicht mehr als fünf Minuten und einen kurzen Blick in die Materia Medica. Hätte ich das gewusst! Eines habe ich aus meiner Erfahrung aber gelernt: Ich bin kompetent genug, um jedem beizubringen, wie man es besser nicht tun sollte.

Es gibt eine weitere Herangehensweise bei der Repertorisation (was uns eigentlich die Arbeit erleichtern und unpassende Arzneien ausschließen sollte), die auf sicherem Wege zu Misserfolg führt: indem man nicht mit den Allgemeinsymptomen beginnt, sondern alle Arzneimittel, die für die Beschwerde des Patienten in Frage kommen, auflistet. Nehmen wir zum Beispiel meinen Sepia-Fall, der mit einer einzigen Gabe Sepia geheilt wurde.

In den Tagen, als ich noch wahl- und ziellos repertorisierte, hätte ich in diesem Fall damit begonnen, alle Arzneien aufzuschreiben, die für einen Kropf in Frage kommen. Dann hätte ich eine weitere Liste angefertigt und alle Arzneien ausgeschlossen, die nicht die rechte Körperhälfte oder die rechte Seite des Halses affizieren. In diesem Fall wäre ich grandios gescheitert und habe in der Tat oft versagt, weil es keine Liste gibt, die Sepia als Arzneimittel für die Schilddrüse führt. Und weiter: Sepia gehört zwar zu den Mitteln, die sich auf eine Seite des Körpers beziehen, aber meist ist dies eben die linke Körperhälfte. Auch hier wäre ich falsch gewesen.

Der Patientin wurde Sepia verordnet, weil sie eine typische Sepia-Patientin mit typischen Sepia-Symptomen war. Ich hätte ihr nichts anderes geben können. Ich hatte die absurde Absicht, zuerst die Patientin und dann den Kropf heilen zu wollen.

Aber wenn (und dies ist ein großes Aber) es uns gelingt unsere Patienten zu heilen, dann bleibt meist nicht viel übrig, was noch geheilt werden muss. Unsere Aufgabe ist es, sie zu heilen; alles andere ist ihnen überlassen. Wenn wir ihren Normalzustand wiederherstellen, dann werden sie keinen Anlass haben, Abnormalitäten zu entwickeln. Die Natur fackelt nicht lange mit dem, was überflüssig ist, denn sie hat die Macht, etwas wegzunehmen oder zu entwickeln. Wenn man sie oft genug reizt, wird sie reagieren und dann wird man vergeblich versuchen, sie wieder zurechtzustutzen. Bringt man sie auf den richtigen Weg, wird sie ihr Haus ganz von selbst wieder in Ordnung bringen.

Seien Sie versichert, dass nichts ohne Grund existiert! Und lernen Sie - wie ich - von der Kaulquappe, denn dieses unscheinbare Geschöpf hat mich viel gelehrt. Lange Zeit dachte ich, dass Kaulquappen ihren Schwanz abwerfen! Das zeigt nur, dass wir noch viel über Absorption lernen müssen!

VORSCHNELLE VERSCHREIBUNG

Auch von der voreiligen Verschreibung sollte man am besten die Finger lassen. Wenn Sie sich für jeden Patienten am Anfang viel Zeit nehmen, werden Sie sich viele Probleme ersparen. Umgekehrt verhält es sich genauso: Wollen Sie sich zu Beginn viel Zeit sparen, werden Sie sich das Vielfache an Problemen ins Haus holen. Wenn Sie das Wasser erst einmal mit einer falschen Verschreibung getrübt haben, wie wollen Sie das Ganze wieder in ruhiges Fahrwasser steuern? Das Krankheitsbild stimmt nicht mehr mit dem Symptombild überein. Eine schlechte Verschreibung führt meist zu weiteren – schlechten – Verschreibungen und nicht selten ist der Fall dann hoffnungslos verdorben.

Wenn Sie sich nicht sicher sind, geben Sie ein Placebo und warten ab. Hahnemann schreibt, dass man am besten eine Woche lang nur Placebo geben sollte.

VERORDNUNG EINER ARZNEI WÄHREND DIE BESSERUNG ANHÄLT

Selbst wenn Sie die richtige Arznei gefunden haben, ist der Spielraum für Fehler immer noch enorm. Zu den herzzerreißenden und katastrophalen Fehlern gehört die wiederholte Arzneigabe solange die Besserung anhält. Zwei Fälle haben sich in mein Gedächtnis gegraben, die ich anfangs nicht wirklich verstand. Und doch passiert mir der gleiche Fehler immer und immer wieder, denn zu den schwierigsten Lektionen im Leben gehört, nichts zu tun und abzuwarten. Man wartet förmlich auf jedes noch so kleine Symptom, mit dem wir eine Arzneigabe rechtfertigen können und den Fall damit oft frühzeitig verderben.

Ich erinnere mich nur zu gut an einen Fall, den ich erst nicht so richtig verstand, denn ich stand noch am Anfang meiner Karriere. Es war ein Patient mit einer typischen Aloe-Diarrhö (meine Unterlagen habe ich leider nicht finden können, deswegen referiere ich aus dem Gedächtnis). Ich gab ihm Aloe CM (entweder eine Einzelgabe oder zwei Gaben im Abstand von einer Woche). Als er wiederkam, ging es ihm deutlich besser, er war praktisch geheilt. Ich gratulierte mir selbst und der Homöopathie natürlich auch, denn sie ist eine wunderbare Sache. Ich hatte das richtige Mittel gefunden und war der Meinung, er sollte es doch noch eine Weile einnehmen, vorbeugend sozusagen! Es versteht sich von selbst, dass es ihm beim nächsten Termin nicht mehr so gut ging. Ich verordnete das Mittel in häufigeren Gaben (schließlich hatte die erste Gabe so wunderbar gewirkt). Ich habe richtig dick aufgetragen – schließlich ist die Homöopathie ja eine wunderbare Sache (meine Homöopathie hätte ich damals in Anführungszeichen setzen sollen) – und der Patient kam nie wieder.

Seitdem lässt mich dieser Fall nicht mehr los. Damals war ich der Meinung, dass die erste Verschreibung eine relativ leichte Angelegenheit war. Aber ich hatte nicht verstanden, was ich mit den Patienten tun musste, wenn sie ein zweites und drittes Mal zu mir kommen. Das ganz offensichtliche Nichts-tun gehörte damals noch nicht zu meinem Repertoire. Das habe ich erst relativ spät gelernt.

An dieser Stelle kommt die Philosophie ins Spiel. Hier gerät die Homöopathie mangels Wissens ins Wanken. Und genau hier können die jungen Homöopathen, die eine andere Ausbildung genießen, punkten. Sie werden nicht lernen müssen, wie man es am besten ‚nicht macht‘. Man bringt ihnen gleich bei, wann man es nicht tun sollte! Denn es gibt eine Regel, die absolut unumstößlich ist:

Solange die Besserung anhält, tut man nichts. Nur wenn man sich absolut sicher ist, dass die verordnete Arznei aufgehört hat zu wirken, darf man den Fall überarbeiten.

Wright hat dies kürzlich unter dem Mikroskop für Tuberculinum nachgewiesen, obgleich Hahnemann schon vor mehr als hundert Jahren diese Regel aufstellte. Und wir, die wir uns als seine ‚Anhänger‘ bezeichnen, schnauben verächtlich über seine Lehren und machen uns nicht einmal die Mühe, eben diese Lehre zu begreifen.

Wiederholen Sie keine Arznei solang die Besserung anhält. Dabei kann es sich in akuten Fällen um Minuten oder Stunden handeln (Hahnemann selbst hat darüber geschrieben) oder in chronischen Fällen um Tage, Wochen oder gar Monate - je nach Fall und Arzneimittel. Greifen Sie nicht ein, solange eine Besserung zu erkennen ist und freuen Sie sich über unsere wissenschaftliche Methode. Es sei denn, Sie möchten zu denjenigen gehören, deren Bemühungen ihnen immer wieder auf die Füße fallen und die ‚es mit der Homöopathie versucht‘ haben.

An einen weiteren Fall erinnere ich mich auch sehr gut: an eine 29 Jahre alte Patientin, die mit Herzversagen aufgrund einer Mitralklappeninsuffizienz im London Homeopathic Hospital eingeliefert wurde. Ich habe die Unterlagen noch hier. Ich repertorisierte Arsenicum und gab Arsenicum CM an zwei aufeinanderfolgenden Tagen (in der dazwischenliegenden Nacht wurde Spigelia gegeben, was eventuell die Mittelwirkung hätte stören können).

Die Wirkung grenzte an Zauberei. Drei Tage später (nur vier Tage nach der Einweisung) hatte sich der Herzmuskel normalisiert und befand sich wieder an der richtigen Stelle.

Auch die Leber der Patientin hatte sich zusammengezogen - von 22,2cm auf 15,8cm.



Margaret Lucy Tyler


Sickness is like a Sitar, whose correct tuning has been disturbed.Naturally, all the notes from the Sitar will be far from melodious. There is no use trying to correct the individual notes. It is the disturbance in tuning itself which has to be corrected (Rajan Sankaran)
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#2

RE: Schlauheiten von Margaret

in Allgemeines zur Homöopathie 19.10.2018 20:22
von ilse • Administratorin | 2.705 Beiträge | 11447 Punkte

Danke dafür, Bernd! Ganz schön deprimierend für Halbgare wie mich, andererseits Weisheiten, die man sich merken sollte.

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#3

RE: Schlauheiten von Margaret

in Allgemeines zur Homöopathie 22.10.2018 12:47
von raterz | 212 Beiträge | 1180 Punkte

mh ja interessant, dass man erstmal so lange auf falschen pfaden unterwegs ist, bis man das wesen der homöopathie und seine therapie eigtl erst wirklich versteht..

eigtl. sind das alles totale standard weisheiten.. aber geschätzt die mehrzahl aller homöopathen hat diese nicht intus.

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